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Wie lang darf ein Satz sein?

Wie lang darf ein Satz sein?

Kategorie: Schreibhandwerk

Zum „Tag des Schachtelsatzes“: So schreiben Sie elegante, verständliche Sätze

Was es nicht alles für Gedenktage gibt. Da gibt es den „Tag der essbaren Bücher“ am 1. April (nein, kein Scherz!). Oder wie wäre es mit dem „Habe-ich-vergessen“-Tag? Auch nicht schlecht: der „Mit-Schokolade-überzogene-Erdnüsse-Tag“. Doch einer meiner absoluten Favorites ist der „Tag der Schachtelsätze“. Der ist heute, am 25. Feber. So ein Zufall aber auch!

Status: Es ist kompliziert

Schachtelsätze sind lang und unverständlich. Nach wenigen Worten schon verliert man beim Lesen den Faden. Das passiert, weil der oder die Schreibende mit einem Hauptsatz beginnt, dann mittendrin einen Nebensatz einfügt, in den wieder ein Nebensatz eingefügt wird und in den wieder. Bis man sich beim Lesen bis ans Ende des Satzes durchgekämpft hat, hat man schon längst vergessen, wie er begonnen hat und worum es eigentlich geht.

Warum macht man sowas? Zwei Möglichkeiten fallen mir ein:

  1. Weil man naseweis ist: Beim Schreiben fällt einem spontan ein, was man sonst noch alles weiß, und das quetscht man schnell rein.
  2. Aus Überperfektion. Weil ein Satz „so nicht ganz stimmt, sondern nur, wenn man X auch berücksichtigt und Y bedenkt.“

Es liegt nicht an der Länge

Schachtelsätze sind üblicherweise lang, doch das ist nicht das eigentliche Problem. Denn ein kurzer Satz ist nicht automatisch verständlich. Ein Beispiel: „Die an dem von dem vor dem Rathaus liegenden Platz abgehenden Weg befindlichen Häuser werden abgerissen.“

Nur 16 Wörter, und trotzdem ein Ungetüm! Wie Sie sehen, kommt es auf die Konstruktion an. Machen wir einen klitzekleinen Ausflug in die Grammatik:

Sie wissen bestimmt, dass es Hauptsätze und Nebensätze gibt. „Sie wissen es bestimmt“ ist ein Hauptsatz, „…dass es Hauptsatz und Nebensatz gibt“ ist ein Nebensatz. Woran erkennen Sie das? An der Stellung des Prädikats, also des Zeitworts: Im Hauptsatz ist es weit vorne, nahe beim Subjekt (Sie = Subjekt, wissen = Prädikat), im Nebensatz ist es ganz hinten („gibt“).

Regel NR. 1: Sorgen Sie dafür, dass Subjekt und Prädikat nahe beisammenstehen

Subjekt und Prädikat sind die Träger Ihrer Aussagen. Sie können in einen Satz viel Information hineinstopfen, aber ohne die Info „WER macht WAS“ geht gar nix. Je früher Sie Ihren Lesern diese Info bieten, desto besser können sie sich danach dem Rest Ihrer Aussagen widmen. Schauen Sie einmal: „Die prominente Autorin, die vorgestern einen Tag freigenommen hat und sich beim Abendessen den Magen verdorben hat, ist letzte Nacht bei einem Einbruch verhaftet worden“.

Na? Da lasse ich Sie 22 Wörter lang in Nebensächlichkeiten schmoren, bis ich Ihnen das Prädikat „verhaftet“ gönne, mit dem Sie endlich vom Skandal erfahren! Das gehört sich nicht. In dem Fall würde ich die beiden eingeschobenen Nebensätze ersatzlos streichen (Kategorie „naseweis“), dann stehen nur noch 6 Wörter dazwischen. Das entspricht auch der allgemeinen Empfehlung: 6 Wörter oder 12 Silben sollen maximal das Subjekt vom Prädikat trennen.

Regel Nr. 2: Sorgen Sie dafür, das getrennte Zeitwortteile nahe beisammen stehen

Getrennte Zeitwortteile? Ja, die deutsche Sprache hat diese Eigenheit, dass sich manche Zeitworte beim Konjugieren teilen: Mitgehen – ich gehe mit, aufpassen – ich passe auf. Wenn Sie nun zwischen diese Teile viele andere Wörter stellen, wissen Ihre Leser bis zum Satzende nicht, wovon Sie sprechen. „Ich nehme morgen, wenn wir mit dem Auto an den See fahren, einen Ball mit.“

Ich nehme … ja was nun: zu, teil, auf, ab, her? Nein. Erst 12 Wörter später verrate ich Ihnen, dass ich „mitnehmen“ meine. Auch hier gilt: maximal 6 Wörter = 12 Silben dazwischen sind auszuhalten, mehr macht den Satz unverständlich.

Regel Nr. 3: Hauptsache in den Hauptsatz

Meine dritte Empfehlung für verständliche Sätze hat nun endlich nichts mit Wörterzählen zu tun, sondern folgt der einfachen Logik: Subjekt und Prädikat sind die wichtigsten Informationsträger. Je näher sie beisammenstehen, desto verständlicher der Satz. Also kommt ein Nebensatz schon einmal nicht infrage, weil dem fehlt das Subjekt und das Prädikat ist ganz am Ende.

Bleibt also nur der Hauptsatz. Packen Sie alle Ihre wichtigen Aussagen in schöne, kraftvolle Hauptsätze, dann wissen Ihre Leser schnellstmöglich Bescheid. Sie würden ja auch niemals sagen: „Ich darf Sie darauf hinweisen, dass es hinter Ihnen zu brennen begonnen hat, und Sie auffordern, den Raum zu verlassen.“ Wenn Sie Feuer sehen, haben Sie ganz automatisch Hauptsätze im Kopf: „Es brennt! Rennen Sie!“.

Diese drei Regeln machen aus Ihren Texten einen Lesegenuss. Wenn Sie sie anwenden, brauchen Sie sich keine Gedanken darüber machen, ob ein Satz zu lang oder verschachtelt ist, denn das kann dann gar nicht passieren! Bastian Melnyk, der Begründer des Schachtelsatz-Tags, hat dann zwar keine Freude, aber für den werden Sie ja wohl auch nicht schreiben.

 

(Illustration: Gerhard Vay)

 

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