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Ordnung im Kopf

Ordnung im Kopf

Kategorie: Buchkonzept und Exposé

Über den Unterschied, ob man für sich selbst oder für andere schreibt

„Ich möchte Ordnung in meinen Kopf bekommen“, sagte unlängst ein Kunde zu mir, als ich ihn fragte, was ihn zu mir führt. Das ist super, eine tolle Motivation und ein eindeutiges Ziel und ich freute mich über so viel Klarheit. „Und daher möchte ich ein Buch schreiben“, setzte er nach. Es entstand eine kurze Pause, in der ich ein nachdenkliches Gesicht machte, und das verunsicherte ihn. Das kommt immer dann, wenn meine Intuition schneller ist als mein Mundwerk und mein Hirn, das die Bedenken erst in Worte fassen muss und dafür Zeit braucht.

Die Erkenntnis ist dem Schreiben immanent

Dabei habe ich grundsätzlich gar nix dagegen, wenn man das Schreiben als ein Vehikel nimmt, um

  1. zu wissen, was man weiß,
  2. Zusammenhänge zwischen fachlichen Details besser zu verstehen und/oder
  3. durch das Schreiben neue Ideen anknüpfen und so das Wissen weiterentwickeln zu können.

Ich kenne niemanden, der je ein Sachbuch geschrieben und dabei keine Aha- und Wow-Erlebnisse gehabt hätte. Die eine oder andere Erkenntnis ist dem Schreiben immanent – einer der Gründe, weshalb mich mein Job immer wieder aufs Neue fasziniert und erfreut.

Eine Publikation braucht einen Mehrwert …

Innere Klarheit, Ordnung im eigenen Oberstübchen zu erlangen, das ist für die Autorin natürlich ein großer Mehrwert. Bloß: Dem Leser ist das ziemlich wurscht, ob da jemand mehr Klarheit gewonnen hat. Wenn er schon ein Buch kauft, dann will auch er einen Mehrwert haben, und dieser Mehrwert ist ein ganz anderer. Leser lesen ein Sachbuch, um

  1. eine Lösung zu ihrem Problem zu bekommen,
  2. Anregungen, Ideen, Impulse zu bekommen, die sie an ihr vorhandenes Wissen anknüpfen können,
  3. unterhalten zu werden – Stichwort Infotainment.

Sie sehen schon ein bisschen die Diskrepanz, nicht? Wenn Sie für sich selbst schreiben, fehlt eine zentrale Intention, die ein Buch zu einem erfolgreichen Buch macht: der Mehrwert für Ihr Publikum.

Das soll nun nicht heißen, dass Sie dieses Vorhaben, mittels Buch Ordnung im Kopf zu bekommen, ad acta legen sollen. Tun Sie nur, schreiben Sie! Nur sollten Sie sich darüber im Klaren sein, dass die Wahrscheinlichkeit gering ist, dieses Buch gut zu verkaufen.

… und auch sonst jegliche Art von Leserorientierung

Nicht nur inhaltlich zeigt sich der Unterschied. Auch die Wahl der Worte, der Schreibstil, der Aufbau wird anders sein. Wenn Sie für sich selbst schreiben, schreiben Sie für einen Experten – wenn Sie für Ihr Publikum schreiben, werden Sie nicht hemmungslos in Ihrem Fachchinesisch schreiben können, sondern jenes Vokabular verwenden, das Ihre Leserinnen und Leser verstehen. Sie werden sich viel mehr bemühen, verständlich zu schreiben – wenn Sie für sich selbst schreiben, müssen Sie nicht so prägnant sein, denn Sie wissen ja, was gemeint ist.

Und auch der Aufbau wird ein ganz anderer sein. Wenn Sie für andere schreiben, müssen Sie ihn aus didaktischen Gesichtspunkten betrachten: Welches Vorwissen können Sie voraussetzen? Womit müssen Sie daher beginnen, damit Ihr Leser mit seinem Wissen anknüpfen kann? Was ist dann SEINE nächste Frage, auf die Sie ihm Antwort geben müssen?

Den Lesernutzen für sich selbst nutzen

Die gute Nachricht: Für andere zu schreiben schließt jedoch nicht aus, dass Sie nicht trotzdem Klarheit in Ihren Kopf bekommen. Vielleicht bekommen Sie sogar mehr Klarheit, weil Sie sich im Bemühen, für andere verständlich zu sein, auch selbst mit mehr Verständlichkeit beschenken. Das ist so ähnlich wie der Unterschied, einfach nur stumm vor sich hin zu denken oder jemand anderem etwas zu erklären. Viele Aha-Erlebnisse meiner Kunden passieren schon in der Phase vor dem Schreiben, nämlich dann, wenn sie versuchen, mir zu erklären, was sie für ihre Leser schreiben wollen.

Wenn Sie Ihre Gedanken für sich selbst sortieren und aufschreiben, kreisen Sie nur um Ihr Expertenwissen herum. Sie köcheln im eigenen Sud, betrachten Ihr Wissen aus Expertensicht. Wenn Sie hingegen für ein Publikum schreiben, müssen Sie sich auf die Reise in die Welt Ihrer Leserinnen und Leser begeben. Das wird Sie bereichern, weil es Sie zwingt, Ihr Wissen aus einer ganz anderen Perspektive zu betrachten. Reisen bildet!

 

(Bild: Daniela Pucher)

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