Aus deiner Buchidee wird nie etwas, weil du „nicht klug genug“ dazu bist? Warum Sachbuchautoren oft am Imposter-Syndrom leiden und wie du damit gut umgehst.
Woran es wohl liegt, dass die Mehrheit meiner Autorinnen und Autoren Sorge haben, nicht genug zu wissen. Vielleicht deshalb, weil ich diese Sorge selbst gut kenne und deshalb weiß, wie man damit gut umgeht.
Sie kommen mit einer Buchidee zu mir, und am Anfang ist auch alles soweit gut. Auch wenn wir in der Manuskriptphase landen, ist zunächst noch alles, wie es sein soll, wenn man sich von einem Autorencoach begleiten lässt: Sie sind motiviert. Ihr Wissen fließt gut aus ihren Fingern in die Tastatur.
Und dann stecken sie irgendwann plötzlich fest. „Ich bin nicht weitergekommen“, sagen sie dann. „Was, wenn das alles nicht gut genug ist?“ Oder „Ich bin unsicher, ob ich überhaupt geeignet bin, dieses Buch zu schreiben.“ Plötzlich ist sie da, die Sorge, nicht genug zu wissen. Hallo Imposter-Syndrom!
Imposter-Syndrom – was ist das?
Wenn du dabei gleich an eine Krankheit denkst (es heißt ja zB auch Metabolic Syndrom für eine Stoffwechselstörung, ist ja nicht gerade gesund), liegst du falsch. Das Hochstapler-Syndrom ist eher so etwas wie eine persönliche Ausprägung. So wie manche Menschen cholerisch werden, wenn sie sich bedrängt fühlen, oder andere peinliche Situationen immer weglachen wollen, so gibt es eben Autoren, die in Angst und Schrecken verfallen, wenn ihnen das Buch zu gefährlich wird.
Dabei sind Bücher doch so harmlos!
Sollte man zumindest meinen. Doch was ein echter Bücherwurm ist, der weiß: Bücher haben die Macht, ein Narrativ in die Welt zu setzen. Das Narrativ lautet: Seht her, hier hat jemand geschrieben, der Expert*in in diesem Thema ist. Der sich da gut auskennt!
Und genau da kommt der Selbstzweifler um die Ecke gezischt und schwellt seine Brust: Experte? Auskennen? Mach dich bloß nicht so wichtig! Wer glaubst du denn zu sein, dass du ein Expertenbuch schreiben kannst!
Schon duckt sich die Autorin (der Autor) und macht sich klein. Der Verstand weiß, was er alles weiß, aber die Seele protestiert. Trotz jahrelanger Erfahrung und nachweisbarer Erfolge zweifelt sie an ihren Fähigkeiten. Sie hat Angst, als Betrüger aufzufliegen.

Wie zeigt sich das Imposter-Syndrom bei Autoren?
Beim Schreiben eines Sachbuchs beobachte ich verschiedene Symptome:
- Du kommst nie ins Schreiben. Die Idee ist zwar da und es geht dein Herz auf, wenn du darüber sprichst. Aber es sitzt dir dieser kleine Teufel im Nacken, der meint: Ah geh, das wird doch nix. Du hast doch nicht das Zeug, ein ganzes Buch zu schreiben!
- Du beginnst zu schreiben. Dann steckst du fest, weil du kurz mal nicht weiterweißt. Und der Teufel in deinem Nacken grinst rechthaberisch: Hätte ich dir ja gleich sagen können, dass du’s nicht drauf hast. Also landet der begonnene Text in den Tiefen deiner Festplatte.
- Du arbeitest an einer Kapitelstruktur. Du verwirfst sie wieder. Du entwickelst eine neue Struktur. Du verwirfst sie. Du nimmst einen neuen Anlauf. Du kübelst das Ergebnis wieder. Jedes Mal verzagst du ein Stück mehr. Am Ende triumphiert der Selbstzweifler.
- Du holst dir einen Autorencoach an die Seite, weil du an deine Idee glaubst. Vielleicht auch, weil so viele in deinem Umfeld dich bestärken. Gemeinsam arbeitet ihr an einem Konzept. Das hast du dann schön erarbeitet in der Tasche, aber du meldest dich nicht mehr, weil du plötzlich Muffensausen kriegst.
- Mithilfe deines Coachs schaffst du es in die Schreibphase. Bei den ersten Kapiteln läuft alles wunderbar, aber je weiter du kommst in deinem Manuskript, desto schleppender kommst du voran. Du schreibst einen Satz, verwirfst in wieder. Formulierst neu, formulierst noch einmal neu und noch einmal. Höchste Zeit, deinen Coach drauf anzusprechen.
- Du hast schließlich das Manuskript fertig und überarbeitest alles noch einmal. Dann überarbeitest du es noch einmal. Dann stellst du Kapitel um, löschst Absätze, fügst noch was dazu. Fertig ist das Manuskript aber nie. Der kleine Teufel in deinem Nacken findet nämlich immer noch etwas, das nicht perfekt ist. Ein bisschen wie bei Handkes „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“. Zum Abschluss kommt es nie.
Findest du dich in einem der Punkte wieder? Oje! Doch: Da lässt sich etwas dagegen tun. Versprochen!
Woher kommen diese Selbstzweifel beim Imposter-Syndrom?
Wo soll ich da bloß anfangen … Vielleicht am Lebensanfang.
Erlerntes geringes Selbstvertrauen
Ursachen können beispielsweise schon in der Kindheit liegen: Eltern, die nie oder zu wenig lobten beispielsweise, oder wenn ein Geschwister stets bevorzugt wurde. Wenn man es der Mutter oder dem Vater nie rechtmachen konnte. Oder auch, weil einem die Eltern vorgelebt haben, dass man sich nur ja nie wichtig machen darf. Letztlich geht es hier um Selbstvertrauen, das in der Kindheit zu wenig gefördert wurde.
Manchmal werden solche unglücklichen Entwicklungen auch von außerhalb der Familie getriggert: ein viel zu strenger Deutschlehrer, der vielleicht auch noch gerne seine Schüler abwertete, oder eine Universitätsprofessorin, die bei der Doktorarbeit ständig etwas auszusetzen hatte und am Ende eine schlechte Note vergab. Das ist ähnlich wie beim Sportunterricht, wo einem die Freude an der Bewegung stückweise ausgetrieben wurde.
Das Wissens-Paradoxon
Spannend finde ich als Ursache das, was Sokrates so schön auf den Punkt brachte: Ich weiß, dass ich nichts weiß. Wenn du dich viele Jahre in dein Thema vertieft hast, entdeckst du unweigerlich auch viele Stellen, die du noch nicht ausreichend beleuchtet und verstanden hast. Auch wenn dir andere oft auf die Schulter klopfen und dich als klugen Kopf betrachten, denkst du dir: Die haben alle keine Ahnung, was man auf dem Gebiet noch alles wissen könnte! Klassischer Fall von Selbstbild vs. Fremdbild.

Die Sozialisierung
Fehlende Vorbilder können ein Problem werden, wenn du beispielsweise als Frau über ein männerdominantes Thema schreibst (oder umgekehrt). Auch da kann es passieren, dass du dich plötzlich klein wie ein Fingerhut fühlst, weil du möglicherweise die erste Frau bist, die sich drübertraut.
Und ganz traurig macht mich, was ich als Tellerwäscher-Effekt bezeichne: Du hast es zwar vom Tellerwäscher zum (geistigen) Millionär geschafft, aber innen drin fühlst du dich immer noch als der (dumme) Tellerwäscher, als der du deine Karriere begonnen hast. Das kann gegebenenfalls auch noch verstärkt werden, wenn du von den Eltern hörst: Du, Autorin? Das haben wir (= unsere Familie) doch gar nicht drauf!
Das Imposter-Syndrom in seine Schranken weisen
Kommen wir also endlich zur Lösung der Misere ;-) Als Coach setze ich selbstverständlich am individuell ausgeprägten Problem an, doch es gibt ein paar Anregungen, die dich hoffentlich weiterbringen:
Halte dich an Fakten
Halte dir bewusst deine Erfolge vor Augen: Welche Ausbildungen hast du abgeschlossen, mit welchen Weiterbildungen hältst du dein Wissen auf dem letzten Stand? Denk an deine zufriedenen Kunden, an das viele tolle Feedback deiner Seminarteilnehmer und Coachees. Schreib dir alles auf – in Form einer Liste oder einer Collage – und hänge dir das Blatt groß in Sichtweite auf.
Mache auch diesen Fakten-Check: Wissen die anderen wirklich mehr als du? Bist du sicher? Was würde Kollege X sagen, den du für klüger hältst?
Achte auf dein Konzept
Viele Autorinnen und Autoren überfordern sich, weil sie zu viel in ihr Buch hineinpacken wollen. „Alles, was ich weiß“ ist in doppelter Weise kein gutes Konzept! Erstens stolperst du dabei logischerweise viel zu oft über Passagen, wo du erst viel recherchieren musst, was dich verunsichert.
Zweitens ist so ein Konzept selten markttauglich. Schreib lieber für eine konkrete, dafür homogene Zielgruppe und fokussiere ausschließlich auf deren Problem. Das entlastet dich. Und der Verkaufserfolg wird für sich sprechen.
Konzentriere dich auf dein Ziel
Was möchtest du mit deinem Buch erreichen? Möglicherweise willst du dich profilieren, einen Ritterschlag für den Wissensadel verdienen. Doch dieses Ziel ist genau das, was dich blockiert. Dieses Ziel ist übrigens einem Verlag auch ziemlich powidl („egal“ würde der Duden mein Wienerisch hier übersetzen).
Konzentriere dich besser darauf, wofür das Buch einen berechtigten Platz am Ladentisch hat: auf die Bedürfnisse deines Publikums. Vermutlich möchtest du deinen Leserinnen und Lesern bei ihrem Problem helfen. Sie inspirieren, andere Wege zu beschreiten. Sie aufschlauen, um in ihrer Entwicklung weiterzukommen. Probiere es aus, du wirst sehen, wie der Text dann nur so aus den Fingern fließt.
Schreib quick & dirty
Meine Lieblingstaktik beim Manuskriptschreiben: Schreibe einen Draft zunächst quick & dirty. Schick deinen inneren Kritiker, deinen Selbstzweifler, raus in den Park zum Spielen. Soll er dort andere Leute quälen. In der Zwischenzeit schreibst du ohne Anspruch auf Vollständigkeit und Korrektheit dein Manuskript runter. Zügig! Erst dann überarbeitest du.
Das hat drei positive Effekte: Du hast schnellstmöglich den wichtigsten Etappensieg in der Tasche. Das Tempo hilft dir auch, einen guten Überblick über den gesamten Inhalt zu behalten. Ich hatte noch keinen Autor, keine Autorin bei mir, die dann nicht erleichtert und entlastet gewesen wäre. Drittens hilft es auch deiner Klarheit: Wenn du Schreiben und Überarbeiten sauber trennst, muss dein Gehirn nicht multitasken und hat den besseren Durchblick.
In meinem Buch „Zur Sache, Experten!“ findest du nicht nur diesen Tipp, sondern auch noch viele andere:

Kein Sachbuch ist perfekt. Garantiert!
Beim Überarbeiten deiner quick & dirty Beta-Version halte dir immer wieder vor Augen, dass es kein Buch auf dieser Erde gibt, das wirklich perfekt ist. Ich selbst lese aus diesem Grund mein eigenes Buch nach dem Erscheinen erst gar nicht. Weil ich weiß, dass ich bestimmt etwas finde, das fehlt. ;-)
Entwickle Mut zur Lücke
Dass kein Buch vollständig und perfekt ist, liegt auch daran, dass jeder Autor sich nach dem Erscheinungstermin weiterentwickelt. Du erweiterst ja laufend deinen Wissens- und Erfahrungsschatz. Das Buch bleibt aber auf dem Stand zum Zeitpunkt deines Schreibprozesses. Betrachte das als Naturgesetz. Das ist doch entlastend, oder?
Hole dir einen Autorencoach an deine Seite
Wenn du am Imposter-Syndrom leidest, dann vermutlich nicht nur beim Schreiben, sondern auch in anderen Situationen im Beruf. Mach dir das Leben leichter, indem du eine Psychotherapeutin oder einen Coach an deine Seite holst, um mit dem Problem umgehen zu lernen.
Beim Schreiben eines Buchs drängelt das Imposter-Syndrom jedoch besonders krass in den Vordergrund und es kann dich da viel stärker behindern als in anderen Bereichen. Also kann das Buchprojekt ein wunderbares Lehrstück sein, mit dem du das Problem in den Griff bekommst, sodass du auch in anderen Situationen erlöst bist.
Einen Hinweis muss ich hier allerdings anbringen: Nicht jeder, der sich Autorencoach nennt, hat auch wirklich eine Coaching-Ausbildung. Achte bei der Wahl also darauf. Oder du meldest dich gleich bei mir, denn ich habe sogar zwei solche Ausbildungen ;-)
Sei vorsichtig bei Testlesern
Ich habe es schon oft erlebt, dass Autoren ihr Manuskript Freunden oder vertrauten Kollegen zum Testlesen geben. Danach waren sie meist unsicherer als vorher. Der Grund: Entweder sie bekamen ausschließlich Lob und Begeisterung rückgemeldet, was sie aber skeptisch machte (meist zurecht, siehe „Kein Buch ist perfekt“). Oder sie bekamen Kritik, die aber nicht wirklich hilfreich war.
Wenn du schon Testleser haben möchtest, dann wähle sie sorgfältig. Sie sollten Vertreter deiner Zielgruppe sein und entweder viele Sachbücher lesen oder sich im Buchgeschäft ein wenig auskennen.
Auch Lektorinnen können dich gut unterstützen
Eine Möglichkeit, Hilfe beim Überarbeiten deines Manuskripts zu bekommen, sind Lektoren und Lektorinnen. Bitte such dir solche aus, die Erfahrung mit Sachbüchern haben. In der Belletristik achtet man auf andere Dinge als bei Sach- und Fachbuch. Mit ihrer Hilfe bekommst du zwar dein Imposter-Syndrom nicht gelöst (wie beim Autorencoach), aber dein Buch wird fertig!

Sachbücher, die bewegen – das ist mir ein großes Anliegen: Denn wofür sollen Bücher sonst da sein, als die Leser zum Denken, Fühlen oder Handeln zu bewegen?
Ich bin Autorencoach und habe selbst schon viele Bücher geschrieben – viele in meiner Zeit als Ghostwriter, doch auch schon einige unter eigenem Namen. Außerdem schreibe ich regelmäßig im onlineMagazin sinnundstift darüber, wie man das Leben sinnvoller und damit bunter gestalten kann. Egal ob hier im Autorenblog oder drüben bei sinnundstift – ich freue mich sehr, wenn du dich als Abonnent*in einträgst und bei mir mitliest.