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Schreiben am Meer

Schreiben am Meer

Kategorie: Leichter leben, leichter schreiben

Was es mit dieser romantischen Vorstellung eines Autorenlebens auf sich hat

Es gibt im Leben von Sachbuchautoren ein paar ungelöste Rätsel. Wie schafft man es, nicht fünf Notizbücher gleichzeitig zu verwenden, ohne sich zu verzetteln: Wo hab ich jetzt was notiert und wo, verdammt noch einmal, habe ich das grüne schon wieder hingelegt? Oder: Wie genießt man den Luxus der freien Zeiteinteilung, ohne dabei regelmäßig zu versumpern? Auch ein Dauerbrenner für viele: Wofür entscheide ich mich heute – für den wunderbaren, stundenlangen Schreibflow, der unweigerlich Rückenschmerzen verursacht, oder für die Schmerzfreiheit, die nur dann entsteht, wenn ich alle halbe Stunden aufstehe und so meinen Schreibfluss zerhacke? Schwierig, schwierig, all diese Dilemmata aufzulösen!

In einem scheinen sich alle Autorinnen und Autoren jedoch einig zu sein, und das betrifft den Lieblingsort ihres Schaffens: Schreiben am Meer, das ist das ultimative Glücksgefühl. Wer seiner Muse ganz nahe sein will, der organisiert sich ein Rosamunde-Pilcher-Cottage an der Klippe von Cornwall, ein Strandhäuschen in Sri Lanka oder zumindest ein kleines Kabäuschen am Mittelmeer, von dem es nicht allzu weit zur nächsten Strandbar ist.

Inspiration, Motivation – und viel Ablenkung

Dementsprechend gab es ganz viele Aaahs und Oooohs, als ich vor drei Monaten verkündete: Ich werde den Winter auf Mallorca verbringen, um mein Sachbuch zu Ende zu schreiben. Ich war sehr gespannt, wie gut mir das gelingen würde. Getestet habe ich das Am-Meer-Schreiben ja schon öfter, wenn auch nur wochenweise. Immer war ich beseelt und fand es ganz wunderbar, am Meer zu sein.

Doch am Meer zu schreiben fand ich irgendwie anstrengend. Es gibt einfach zu viel Ablenkung! Man sitzt in der Strandbar und versucht, sich zu konzentrieren – doch dann muss man dringend die Möwen beobachten, wie sie in Schwärmen den Fischkuttern in den Hafen am Ende der Bucht folgen. Oder man schreibt und hebt den Kopf, um nachzudenken – und prompt verfängt sich der Blick in den sich wiegenden Palmen und bleibt hängen. Wie hypnotisiert starrt man vor sich hin, anstatt darüber nachzudenken, wie man diese knifflige Textpassage löst. Und dann gibt es ja auch noch so viel Neues und Fremdes zu erkunden: Das Hinterland mit seinen Schafherden und den knorrigen Olivenbäumen zwischen den Trockensteinmauern – und erst recht die üppig blühenden Mandelbäume, die man nur Ende Februar/Anfang März erleben kann. Der Ort und seine putzigen Häuser, die sich in den engen Gassen aneinanderschmiegen.

Da hat man doch gleich das nächste Dilemma am Hals: streunen und staunen oder sitzen und schreiben? Vielleicht, so dachte ich schließlich, muss man erst seine Neugierde stillen, um fürs Schreiben bereit zu sein. In drei Monaten Winterdomizil am Meer, so wie ich das nun vorhatte, sollte das möglich sein! Drei Monate, das ist doch eine Ewigkeit. Dachte ich.

Selbstdisziplin

Mein Sachbuch hier auf Mallorca habe ich … nun ja … nicht ganz so weit gebracht, wie ich wollte. Denn einerseits tritt tatsächlich ein Gewöhnungseffekt ein, der dem Schreiben zugutekommt. Nach zehn Tagen hört man dann doch einmal auf, jede Palme zu bewundern und jeder Möwe nachzuwinken. Ich hatte einen hübschen Schreibtisch mit Blick auf Himmelsblau und Rhododendrongrün. Ein Nachtkästchen wurde zum Druckertisch umfunktioniert und ein Bett zum Bücherregal für all mein Recherchematerial. Ich versuchte, eine Routine zu entwickeln. Eine mit Lokalkolorit, versteht sich: Arbeiten, Siesta, Sport, Arbeiten, Nichtstun. Am Wochenende Ausflüge, um die Insel zu erkunden. Das ist es wohl auch, was man braucht, um hier gut schreiben zu können: ein gutes Maß an Selbstdisziplin und Routine.

Die drei Stunden, die eine Siesta hierzulande dauert, musste ich bald kürzen, denn sonst wäre ich nicht gut weitergekommen. Und so begann sich ein Unbehagen in meine Seele einzuschleichen. Diese fiese Selbstdisziplin! Ich soll hier drinnen hocken und arbeiten, während draußen die Sonne scheint und das Meer rauscht? Und das, wo in Wien der Winter Einzug hält und ich hier das einmalige Erlebnis des ewigen Frühlings vor der Tür habe? Das kann es doch auch nicht sein!

Ich versuchte es also mit Schreiben in der Strandbar oder im Café am Hauptplatz. Doch beim Sachbuchschreiben brauche ich immer so viele Unterlagen mit und meistens fehlt partout genau das, was ich gerade brauche. Außerdem weht einem hier der Wind alles um die Ohren. Und überhaupt: das Ablenkungsproblem, auch nach zwei Monaten. Es ist halt einfach zu schön am Meer! Da steckt man die Nase lieber in die Salzluft als in den Computer.

Der letzte freie Ort auf der Welt

Trotzdem bin ich sehr zufrieden mit der Entscheidung, für mein Buch in den Süden zu fahren. Denn es lässt sich nicht leugnen, dass das Meer eine ganz besondere Anziehungskraft hat, eine Energiequelle ist. Jeder Strandspaziergang ist für mich wie das Drücken der Reset-Taste, nur viel schöner: Er befreit den Kopf und nährt die Seele – alles Grundvoraussetzungen für einen guten Text. „Das Meer“, sagte Ernest Hemingway, „ist der letzte freie Ort auf der Welt.“ Er muss es wissen, er hat viel Zeit seines Lebens am Meer verbracht.

Kürzlich bekam ich eine Ausgabe der Psychologie Heute Compact*) in die Hände, in der just etwas über die Wirkung des Wassers auf uns Menschen steht. In den letzten Jahren wurde darüber geforscht und somit bestätigt, was wir wohl alle fühlen: Der Blick auf Wasser macht uns ruhiger, kreativer und gesünder und spricht unsere Sinne ganz besonders an – perfekt also für ein Autorenleben! Natur tut uns generell gut, heißt es weiter, doch das Meer schlägt alle anderen Landschaften, wie Studien ergeben. Je näher wir dem Meer sind, desto wohler und zufriedener fühlen wir uns. Da ist es kein Wunder, dass zwei Drittel der Menschen lieber ans Meer fahren als in die Berge. Das heißt wohl, jene Autoren, die eine einsame Almhütte für ihre Schreibklausur wählen, gehören zu dem restlichen Drittel.

Jetzt weiß ich wenigstens, warum ich Schwimmen als eine meiner Sportarten gewählt habe. Denn als Binnenländerin habe ich ziemlich schlechte Karten, was den Zugang zum Meer anlangt. Der Wasserdruck auf der Haut beim Schwimmen fördert die Blutzirkulation und setzt Hormone frei, die die Blutgefäße entspannen und gut gegen Stress sind. Vor allem ambitioniertes Schwimmen hebt die Stimmung. Nun, ich hoffe sehr, liebe Leserin und lieber Leser, dass Sie meine gute Laune zwischen den Zeilen spüren können!

 

*) Psychologie Heute Compact, Heft 54, Natur und Psyche. Wie Draußensein uns stärkt, fordert und befreit, insbesondere die beiden Artikel darin: Annette Schäfer: Ab ins Blaue (S. 36f), Simone Einzmann: Typfrage (S. 21)

Foto (c) Daniela Pucher

9 Kommentare

  1. Liebe Daniela,

    viele Jahre habe ich sehr erfolgreich als Text- und Bildjournalist für Yachtmagazine gearbeitet. Für die Recherchen und vor allem für das Fotografieren war es zwingend notwendig, so manchen Sehnsuchtsort zu besuchen. Für mich waren das die Küsten von Italien und Südfrankreich.

    Zu meiner Zeit konnte ich leider die Stories nicht vor Ort schreiben, denn ich habe noch mit konventionellen Schreibmaschinen gearbeitet. Auch habe ich analog fotografiert, also auf Filme, die vor Ort ebenfalls nicht entwickelt werden konnten. Ergo erfolgte das Schreiben und Ausarbeiten der Fotos erst nach der Heimkehr. In manchen Sommern erst drei Monate nach der Abreise.

    Heute verwende ich das neueste Mac Book Pro, das mir sogar die Bildbearbeitung vor Ort ermöglicht. Der Foto-Tranfer ist über Bilddaten-Server möglich, Texte können ganz einfach als E-Mail-Anhang verschickt werden. Phantastische technische und logistische Möglichkeiten!

    Die notwendige Disziplin für die Arbeit war immer schon notwendig. Egal ob am heimischen Schreibtisch oder mit einer atemberaubenden Landschaft vor dem Fenster. Die liefert jedoch tatsächlich Inspiration und vor allem Freude am Dasein und der Arbeit. Ein morgendlicher Caffè in einer netten Bar oder eine Siesta am Nachmittag geben eher Kraft als das sie unerwünschte Ablenkung wären.

    Als Schreiber und Fotograf sehe ich mich bei den glücklichen Menschen, die den Inhalt ihrer Arbeit zumindest mitbestimmen dürfen, und die sich dann und wann sogar noch den Ort für ihr Werken aussuchen können. Ist das nicht großartig?

    • Lieber Heinz, oh, da hast du ja überhaupt einen Sehnsuchtsberuf! Und du hast natürlich recht: Siesta, das Meer und seine Energie – all das ist gleichzeitig eine Kraftquelle, die man gut fürs Schreiben anzapfen kann. Wenn die Anwesenheit von Sehnsuchtsorten zu einer Art Standard werden wie bei dir, dann ist das bestimmt das Schönste, was man sich als Autorin oder Autor vorstellen kann. Da muss ich wohl noch ein wenig üben 😉

  2. Liebe Daniela! Wunderbar geschrieben! Und ich kann es so gut nachvollziehen.
    Wenn ich ins Grüne fahre, um einen guten Einstieg in ein neues Buch zu schaffen, gelingt es mir nur, weil ich die Gegend schon gut kenne, somit die Neugier schon etwas befriedigt ist und ich es schon einmal mit dieser Disziplin dort gemacht habe: Schreiben – wandern – Siesta – schreiben – marschieren… und somit auch gleich wieder in diese Routine finde.
    Fazit: Du solltest das unbedingt wieder machen, denn im nächsten Jahr gelingt es dir bestimmt noch viel besser 😉

    • Liebe Natalia, das beruhigt mich ja, dass es dir auch so geht 🙂 Das mit dem Üben, ich glaube, das wird mir nicht schwerfallen!

  3. Liebe Daniela, das hast du wunderbar in Worte gefasst. Ich wünsche dir noch viele weitere Arbeitsmonate am Meer – und ich genieße meine.

    • Liebe Ines, danke schön! So viel ich weiß, bist du ja auch sehr viel am Meer und arbeitest da. Was ist deine Erfahrung? Fällt es dir leicht? Oder lässt du dich auch gerne verführen so wie ich?

    • Irgendwann wird auch der Blick aufs Meer zur (angenehmen!) Routine, das ist Teil des Plans einer guten Work-Life-Balance. 😉

  4. Liebe Daniela! Was du beschreibst, kenne ich nur zu gut! Du hast es wunderbar beschrieben! Nach 4 Jahren gehts mir hier – auf „meiner“ Insel noch immer nicht viel anders! Aber es ist gut so….:-)

    • Tatsächlich! Und wie schaffst du es dann, trotzdem produktiv zu sein?

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