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Kill Your Darlings

Kill Your Darlings

Kategorie: Über das Schreiben

Ein Musterbeispiel, wie man dem guten Text perfekt im Weg stehen kann

Gefühlte tausend Mal habe ich das erste Kapitel meines Buchs nun schon gelesen und versucht, es zu verändern, weil ich weiß: Das passt so nicht. Es ist zu langatmig und hat zu wenig konkreten Mehrwert für meine Leser. Ich weiß das. Und trotzdem, bei jedem Mal wieder lesen schmunzle ich über das eine Beispiel, das ich angeführt habe, und lächle stolz über die andere Metapher. Das kann man doch nicht einfach löschen! Ach!

Dann, mit ein bisschen Abstand, fällt mir ein, dass ich in dieses Kapitel ja noch so viele andere Dinge packen möchte. Doch dann wird es zu lang. Und überhaupt passt das alles nicht zusammen, weil das, was bereits drinsteht, zehn Seiten umfasst. Für die drei anderen Aspekte, die noch hinein gehören, brauche ich insgesamt maximal zehn Seiten. Da stimmt dann das Verhältnis nicht: Der eine Punkt, der schon drin steht, ist nicht wichtiger als die anderen. Und ich halte es immer so: Je wichtiger etwas ist, desto mehr Platz darf es im Buch haben. Wenn etwas nicht wichtig ist, bekommt es dementsprechend wenig Platz. Mein Darling steht also mächtig im Weg.

Schmerzhafter für den Autor als für den Darling

Also heißt es: kürzen, kürzen, kürzen. Ich lese das Kapitel ein weiteres Mal. Ha! Dieser eine Teil ist unklar – endlich habe ich etwas gefunden, wo ich ansetzen kann. Ich überlege mir, was ich eigentlich sagen wollte und bringe die drei Absätze auf Vordermann, damit meine Aussage glasklar ist. Viel kürzer ist es jetzt aber nicht geworden. Verdammt!

Zwei Seiten weiter hinten wiederholt sich etwas. Hurra! Kürzungspotenzial! Ich korrigiere das, führe zwei Absätze zusammen. Ersparnis: ein Absatz. Na immerhin. Ich verändere außerdem den Einstieg ins Kapitel im Hinblick darauf, dass da ja noch einige andere Dinge zu lesen sein sollten. Dann verschiebe ich das eine Unterkapitel weiter nach hinten. Auf Seite acht entdecke ich, dass da schon etwas steht, das ich gerade in die Einleitung gepackt habe. Kruzitürken! Frustriert schiebe ich das Kapitel zur Seite, ordentlich zerrupft, wie es mittlerweile ist.

Drei Monate und ungefähr fünf weitere Versuche später ist das Kapitel an den Rändern verstümmelt, die ursprünglichen vier Unterkapitel wurden zu Unter-Unterkapitel degradiert. Es ist zum Verzweifeln. Ich drehe mich im Kreis und bin schon ganz schwindlig. Da kann mir ja erst recht nichts Gescheites einfallen! Und wie viel Zeit da schon reingeronnen ist! Ich will es gar nicht wissen.

Wissen und nicht können – und schon gar nicht wollen

Eigentlich sollte ich das alles einfach löschen und neu schreiben. Ich weiß das. Aber ich kann nicht. ICH KANN NICHT! Ich finde diese zehn Seiten viel zu amüsant, wer weiß, ob ich das jemals wieder hinkriege. Und sagen Sie jetzt nicht, ich könne es ja in ein neues Dokument kopieren und aufheben. So etwas mache ich nicht mehr, seit ich bei einer Computer-Razzia einmal meine Festplatte von Unnötigem zu befreien versuchte, unter anderem von diesen Textfragmenten. Lauter Texte, die ich einmal toll gefunden habe und die seitdem als Dateileichen vor sich hin stinken. Seitdem habe ich beschlossen, dass ich darauf vertrauen kann: Mir wird immer wieder etwas neues Tolles einfallen, da brauche ich keinen Textfragmente-Friedhof. Ich schau da ohnehin nie rein (außer bei der nächsten Razzia). Aber ich schweife ab.

Ausgetrickst

Schließlich hatte ich eine Idee. Ich erlaube meinem Darling, weiter existieren zu dürfen, und gönne mir einen kleinen Seitensprung. In einem neuen Dokument schreibe ich darüber, was ich in mein erstes Kapitel schreiben würde, wollte ich meinen Darling irgendwann eventuell unter Umständen ersetzen. Sie sehen: tausend Konjunktive, mein Darling braucht sich also echt nicht zu sorgen.

Der wird dann zu gegebener Zeit vor vollendete Tatsachen gestellt, nämlich dann, wenn ich mich in diesen Seitensprung verliebt habe. Ich weiß, das ist nicht nett von mir ihm gegenüber. Aber dafür gegenüber meinen Lesern umso mehr!

(Foto: Rike_pixelio.de)

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