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Im Kaffeehaus schreiben: Das literarische Wien von A bis Z

Im Kaffeehaus schreiben: Das literarische Wien von A bis Z

Kategorie: Ansichtssache

Meine Kollegin Birgit Ebbert hat zur Blogparade aufgerufen „Meine Stadt von A bis Z“. Nun, über Wien lassen sich bestimmt mehr als 26 interessante Dinge sagen. Ich habe mir daher einen Aspekt herausgesucht und hoffe, dass er Ihnen Spaß machen wird: Wien und die Kaffeehaus-Literatur!

A wie Peter Altenberg
Er gab das Café Central in der Wiener Herrengasse als seine Wohnadresse an, deshalb sitzt er sogar noch heute in Pappmaché gleich beim Eingang. Der wohl am meisten fotografierte Kaffeehaus-Literat Wiens.

B wie Ingeborg Bachmann
Geboren in Klagenfurt, lebte und schrieb sie unter anderem auch in Wien und hatte ein „Gspusi“ mit dem Literaturkritiker Hans Weigel. Ihr zu Ehren wird seit 1977 jährlich der Ingeborg-Bachmann-Preis verliehen.

C wie Café Central
Jenes Altwiener Kaffeehaus, dessen lebendes Inventar Sie unter A schon kennen gelernt haben. Alfred Polgar, Anton Kuh, Franz Kafka, Arthur Schnitzler oder Karl Kraus zählten zu den Stammgästen. Architektonisch ist dieses Kaffeehaus mit seinem toskanischen Neorenaissance-Stil einmalig.

D wie Heimito von Doderer
Im Café Herrenhof traf man ihn, auch wenn die „Strudelhof-Stiege“, sein berühmtestes Werk, gar nicht in der Nähe ist.

E wie Egon Friedell
Er schrieb – teilweise gemeinsam mit Alfred Polgar – Theaterstücke, war Regisseur, Dramaturg und Schauspieler am Burgtheater, arbeitete als Essayist, Schriftsteller und Übersetzer und beging Selbstmord, als 1938 die Gestapo vor seiner Tür stand.

F wie Sigmund Freud
Er ist zwar kein Kaffeehaus-Literat, doch möchte ich ihn als einen der großen Söhne Wiens dennoch erwähnen. Seine Affinität zum Café Landtmann brachte ihm die Bekanntschaft einer gewissen Anna von Lieben, die im Stockwerk oberhalb des Cafés wohnte. Freud bezeichnete sie als seine Lehrmeisterin, weil sie so viele Jahre bei ihm in Behandlung war. Die „Redekur“ und die „freie Assoziation“ hat er aus der Auseinandersetzung mit ihrer Psyche entwickelt.

G wie Café Griensteidl
Eines der bekanntesten Literatur-Cafés am Michaeler Platz mit Blick auf die Hofburg. Schriftsteller wie Hugo von Hofmannsthal, Arthur Schnitzler oder Karl Kraus liebten es. Das Griensteidl hatte wegen seiner vielen Künstlergäste den Spitznamen „Café Größenwahn“.

H wie Café Herrenhof und Hugo von Hoffmannsthal
Das Herrenhof war in der Zwischenkriegszeit eines der Zentralgestirne am Wiener Kaffeehaushimmel. Nicht nur Hugo von Hoffmannsthal schrieb hier, auch Egon Erwin Kisch, Robert Musil, Joseph Roth, Friedrich Torberg und viele andere waren regelmäßig Gast. Anfang der 60er Jahre wurde es als Szene-Treffpunkt vom Café Hawelka abgelöst (siehe unter O).

I wie Café Imperial
Karl Kraus und Ferenc Molnár sollen hier verkehrt haben. Ob es damals schon so „imperiale“ Preise hatte wie heute?

J wie Elfriede Jelinek
Sie bevorzugt angeblich das Café Korb in der Wiener Innenstadt. Skandale, Kontroversen, Aufführungsverbote zeichnen ihren Weg ebenso wie der Literaturnobelpreis (2004) und eine lange Liste anderer Auszeichnungen.

K wie Karl Kraus
Das nächste literarische Genie: In seiner Realsatire „Die letzten Tage der Menschheit“ zeigt er die Gräuel des Krieges abseits des Kampfgeschehens an der Front. 1926, 27 und 28 wurde er für den Nobelpreis nominiert.

(c) Daniela Pucher

(c) Daniela Pucher

L wie Adolf Loos
Ihm verdanken wir nicht nur den Innenausbau des Café Museum. Er war auch kritischer Schriftsteller und setzte sich mit dem Jugendstil auseinander. Schlichtheit in der Architektur war sein Credo, und das kann man am Loos-Haus gleich neben dem Café Griensteidl gut erkennen.

M wie Café Museum
Klimt, Schiele, Kokoschka, Musil, Roda Roda, Trakl, Doderer – auch in diesem legendären Kaffeehaus zwischen Oper und der Akademie der Bildenden Künste hat der Ober vielen Künstlern schon den Mokka serviert. Oder das Glaserl Rot.

N wie Café Neuner
1808 gegründet, servierte es den Kaffee in silbernen Kännchen und wurde deshalb das „silberne Kaffeehaus” genannt. Franz Grillparzer und Ferdinand Raimund hängten hier ihre Mäntel auf die silbernen Haken. Sie bezahlten – wie damals üblich – bei der Sitzkassierin ihre Zeche.

Ö wie “Jö schau…”
Für Wienerinnen und Wiener der bekannte Anfang einer Liedzeile von Georg Danzer, der über den „Nackerten“ im legendären Café Hawelka sang. Das Hawelka war und ist speziell. Josefine und Leopold Hawelka waren eine Institution und halb Wien trauerte, als die beiden vor wenigen Jahren starben. Wenigstens hat Josefine das Rezept ihrer berühmten Buchteln an den Sohn weitergegeben!

P wie Alfred Polgar
Er war Schriftsteller, Übersetzer, Theaterkritiker und Freund von Egon Friedell. Von ihm stammt der denkwürdige Sager: „Die Wiener gehen ins Kaffeehaus, weil sie nicht zu Hause, aber auch nicht an der frischen Luft sein wollen.“ Ja, da ist was dran!

Q wie Helmut Qualtinger
„In Wien musst du erst sterben, damit s‘ dich leben lassen, aber dann lebst du lang“, sagte er, der große Kabarettist und Schriftsteller. Seine Kabarett-Figur, der Herr Karl, wird mit ihm sofort in Verbindung gesetzt, ebenso klingt einem das Lied „Der Papa wird’s scho‘ richten“ im Ohr. Weltberühmt in Österreich!

R wie Ferdinand Raimund
Auch wenn die Kaffeehausliteratur erst im Fin de Siecle blühte, war das Café schon im Biedermeier beliebt. Ferdinand Raimund jedenfalls schätzte das Ambiente des Café Neuner. Und wir schätzen heute noch seine Theaterstücke und lachen über den Herrn von Rappelkopf (Alpenkönig und Menschenfeind) oder über Fortunatus Wurzel (Der Bauer als Millionär).

S wie Arthur Schnitzler
Zeit seines Lebens beheimatet in der Wiener Leopoldstadt, war Schnitzler für seinen „inneren Monolog“ berühmt (oder auch gefürchtet, das ist halt Geschmackssache). Sein „Leutnant Gustl“ besteht eigentlich nur aus einem solchen.

T wie Friedrich Torberg
Ihm verdanken wir unter anderem den Spruch der Tante Jolesch: „Alles, was ein Mann schöner ist, als ein Aff‘ …“ Sie wissen schon. Ansonsten war Torberg Stammgast im Café Herrenhof.

U *)

V wie Hugo von Hoffmannsthal
Er war Schriftsteller und Philologe. Ihm verdanken wir vor allem die Texte den Strauss-Opern Elektra, Ariadne auf Naxos und dem Rosenkavalier. Nicht zu vergessen natürlich „Jedermann“, uraufgeführt 1911 in Berlin.

W wie Hans Weigel
Schriftsteller und Theaterkritiker, der auch junge Talente förderte, wie zum Beispiel Ilse Aichinger oder Ingeborg Bachmann. Hans Weigel hat übrigens ein Buch herausgegeben, das gut hierher passt: Das Wiener Kaffeehaus (1988) Goldmann Wilhelm GmbH (antiquarisch erhältlich).

X wie Fixierverschluss
Das ist jener Verschluss eines Zeitungshalters, mit dem man die Zeitung einklemmt. Ein unverzichtbares Utensil eines Wiener Kaffeehauses, man könnte sagen, es hat die Kaffeehausliteraten begründet: Wegen der aufgelegten Tageszeitungen im Kramerschen Kaffeehaus (*1719) kamen die Literaten erst so richtig gern und hielten sich entsprechend lange auf.

Y wie Why – Warum im Kaffeehaus schreiben?
Ganz einfach erklärt: Man kann in Ruhe arbeiten, wenn man das möchte. Gerne auch stundenlang. Und man kann sich treffen, wenn man das braucht: um Geschäfte anzubahnen, zu tratschen und zu diskutieren. Oder man macht es den alten Literaten gleich: Man sitzt an einem Tisch und fachsimpelt mit den Kollegen über Form, Sprache und Thematik des Textes, an dem man schreibt. Alfred Polgar brachte es auf den Punkt: „Kaffeehaus ist ein Ort für Leute, die allein sein wollen, aber dazu Gesellschaft brauchen.“

Z wie Stefan Zweig
Ihn traf man abwechselnd im Griensteidl und im Central. Seine „Schachnovelle“ haben wohl die meisten humanistischen Maturanten auf der Literaturliste. Sie wurde 1960 eindrucksvoll mit Curd Jürgens und Mario Adorf verfilmt.

*) U wie „Und die Frauen?“
15 Schriftsteller – und nur 2 Literatinnen in dieser Liste? Was für ein Ungleichgewicht! Nun, tatsächlich gab es nur sehr wenige, die zu erwähnen sind (und dann versteckten sie sich ja manchmal auch unter einem männlichen Pseudonym). Bis 1840 war es auch undenkbar, dass eine Frau ins Kaffeehaus ging. Das änderte sich erst langsam ab 1918.

6 Kommentare

  1. Wunderbar. Mein Favorit: x wie Fixierverschluss. Sehr charmant.

  2. Jetzt verstehe ich, warum Du so gerne im Kaffeehaus schreibst – bei der illustren Gesellschaft (im Geiste)! Wenn ich mal wieder nach Wien komme, musst Du sie mir alle zeigen, das weißt Du aber schon, oder? 😉

    • 🙂 Wenn wir in allen sehenswerten Kaffeehäusern Wiens einen Kaffee trinken, sparen wir uns den Schlaf und schaffen die Tour übers Wochenende. 3:) Es wird mir eine Ehre sein, liebe Birte!

  3. Vielen Vielen DANK Daniela für diesen tollen Beitrag! Ich habe ihn in der gerade neu erstellten Facebook Gruppe Schreiben in Cafés geteilt: https://www.facebook.com/groups/583254938550774/. Bitte schau doch auch vorbei, so können wir Schreibenden uns untereinander vernetzen, Blogbeiträge teilen und langsam aber sicher für alle möglichen Städte die passenden Cafétipps bereithalten…
    LG
    Beatrix
    http://www.meine-schreibbar.de

    • Danke, liebe Beatrix, für deine nette Einladung. Selbstverständlich bin ich gerne dabei, wenn es um Schreiben in Cafés geht!

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  1. E-Book: Meine Stadt von A bis Z « Sistlau - […] seit 1981 täglich zu dicht und daher zuweilen quer vor der Nase. Meine Kollegin Daniela Pucher hat Wien mit…

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