Seite auswählen
Ist Kreativität ortsabhängig?

Ist Kreativität ortsabhängig?

Kategorie: Ansichtssache

Wie jedes Jahr gibt es auch heuer einen lieben Blog-Wichtel aus dem Netzwerk Texttreff, der mich mit einem Blogbeitrag beschenkt. Diesmal ist es Katja Tongucer, die nach einem mehrjährigen Aufenthalt in der russischen Hauptstadt nun in Istanbul lebt und über die Stadt am Bosporus bloggt. Hier ist ihr Beitrag:

Menschen, die kreative Arbeit leisten, kennen dieses Gefühl, wenn jegliche Kreativität abhanden gekommen zu sein scheint. Manche nennen es schlicht Schreibblockade, für andere ist es eine Winterdrepression oder ein tiefes, schwarzes Loch. Für mich ist es ein Unwohlsein, das mit einer Art fast schmerzhaften Leere einhergeht.

Manchmal hilft es vielleicht, einfach den Ort zu wechseln: Mit dem Laptop oder einem Zeichenblock ab in den Park oder ins Café. Menschen beobachten, die Gedanken fließen lassen, die Muse zu einem dicken Stück Schwarzwälder Kirschtorte einladen.

Das ist nur ein kleiner Ortswechsel. Was aber, wenn ein großer Umzug ansteht? Wie wirkt sich das auf unsere Kreativität aus?

Vor einigen Jahren zogen wir aus einer beschaulichen, deutschen Reihenhausidylle nach Moskau. Kawumm! Welch eine Veränderung. Zunächst habe ich keine Gelegenheit ausgelassen, die Stadt zu entdecken, die Menschen zu beobachten, kleine Details zu bewundern und die Kultur zu erforschen. Aber darüber schreiben? Irgendwie schmolz  meine Kreativität von Woche zu Woche dahin. Die Wörter wollten nicht so recht über die Tastatur hüpfen. Der Ton wurde immer negativer und zynischer. So wollte ich aber auch nicht sein, wollte objektiv bleiben und der Stadt eine faire Chance lassen. Meine Kreativität verkroch sich mit mir in die sichere Wohnung und die gewohnte Umgebung des Stadtviertels. Nur selten noch hatte ich Lust, die Stadt zu erkunden, und viele Worte blieben ungeschrieben. Es ging sogar so weit, dass mir mein Bedürfnis nach kreativer Arbeit völlig abhanden kam.

Aber warum eigentlich? Moskau ist nicht nur trüb und grau. Moskau kann sehr bunt sein und vielfältig. Aber für mich traten immer mehr die hängenden Mundwinkel der Bewohner in den Vordergrund, der fast uniforme Kleidungsstil der Männer, die offensichtlich nicht viel Wert auf ihr Äußeres legten, die aufgetakelten Pelzträgerinnen, die als lebende Klischees auf ihren High Heels durch den Schnee stapften. Ach, man hätte so herrlich darüber schreiben können, allein mir wollten die Worte nicht mehr durch den Kopf und schon gar nicht durch die Finger fließen.

Moskau strahlt für mich negative Energie aus, ein Gefühl, das über einen längeren Zeitraum hinweg mehr und mehr die Oberhand gewinnt. Die Stadt saugt jegliche Energie aus dir heraus. Lähmende Müdigkeit begleitet dich über Wochen durch die dunklen Wintertage. Aber auch im Sommer mag keine richtige Unbeschwertheit aufkommen. Ist es die unseelige Geschichte der Stadt? Hat das harte Leben der Menschen im Zarenreich Spuren hinterlassen, die noch heute fühlbar sind? Die Erfahrung, über Jahrhunderte hinweg von ungerechten und unerbittlichen Herrschern regiert zu werden, nur um nach einer Revolution dem Stalinismus und nun dem Kapitalismus ausgeliefert zu sein? Oder ist es einfach nur die Luftverschmutzung und die Hektik der Millionenstadt?

Ortswechsel. Nach viereinhalb Jahren in Moskau zogen wir weiter in eine andere Millionenstadt mit ähnlichen Problemen, viel Hektik und Stress – und einer noch längeren Geschichte: Istanbul.

Doch hier fand ich sie wieder. Meine Kreativität war zurück. All die bunten Menschen, die dir auch im größten Trubel noch ein Lächeln schenken, die dir ungefragt beim Einparken helfen und dir beim Einkauf noch ein, zwei Äpfel mehr in die Tüte packen.  All die historischen Orte, die man stundenlang einfach nur anschauen mag. Der blaue Bosporus mit den unzähligen Booten, Tankern und Containerschiffen, der sich mitten durch die Stadt schlängelt und an dem man zahlreiche Cafés findet, in denen man Kraft tanken kann. Positive Energie auftanken, die sich hier, zwischen Europa und Asien, angesammelt zu haben scheint.

Ist es die Vielfalt der Menschen, die wechselvolle Geschichte der Stadt, in der immer wieder andere Kulturen dominiert und in der verschiedene Religionen über lange Jahre hinweg friedvoll zusammengelebt hatten? Oder liegt es an der Sonne und dem warmen Klima, die den Ort mit einer solch mächtigen Energie ausstatten?

Vermutlich wirken diese Ort auf jeden Menschen anders. Ganz sicher sogar. Moskau ist für viele eine äußerst faszinierende Stadt. Sie finden dort ihr Glück, Freunde, die Liebe ihres Lebens und können sich keinen besseren Ort vorstellen, um kreativ zu sein. Istanbul ist für andere vielleicht eine Stadt, die mit steigender Einwohner- und Autozahl immer unbewohnbarer wird, und in der die eigene Kreativität permanent im Stau steht. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Darum geht es aber nicht. Mir haben diese Erfahrungen gezeigt, dass Orte Energien ausstrahlen, die auf unterschiedliche Weise auf uns wirken. Ich habe erlebt, dass meine Kreativität eng verknüpft ist mit den Stätten, an denen ich mich aufhalte, ob für länger oder nur für einen Espresso im Straßencafé um die Ecke.

Geht es Ihnen auch so?

 

Was sagen Sie?

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.
Erforderliche Felder sind markiert mit *.