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Die Weihnachtswurst

Die Weihnachtswurst

Kategorie: Ansichtssache

Woran denkt eine deutsche Kollegin, wenn sie beim Texttreff-Blogwichteln für ein Wiener Blog schreiben will? An Wiener Würstchen. Was ja für gewisse Sprachverwirrung sorgt. Passend für Weihnachten ist die Wurst allemal: Denn in manchen Regionen Österreichs haben Karpfen und Gans Konkurrenz. Da serviert man am Weihnachtsabend Selchwurst mit Kraut und Schwarzbrot. Womit sich der Kreis wieder schließt: Bei Kraut denke ich nämlich an Deutschland 🙂

Hier ist der Beitrag von meiner lieben Kollegin Judith Burger, ihres Zeichens Texterin und Autorin in Leipzig:

„Ich muss einen Blog aus Wien bewichteln“, sag ich am Abendbrottisch.

„Schreib über Wiener Würstchen“, lautet die Antwort der Familie.

Wer dabei gewesen wäre, hätte die große Glühbirne gesehen, die sich daraufhin über meinem Kopf bildete. Na klar, Wiener Würstchen! Vor allem, weil ich doch ein Halberstädter Würstchen bin.

Würstchen aus Halberstadt waren und sind berühmt! Wenn mich jemand fragt, woher ich komme, und ich mit Halberstadt pariere, kommt das Gespräch immer auf diese Würstchen. Dass Halberstadt einen wahnsinnig gotischen Dom mit einem hammermäßigen Domschatz besitzt, dass sich von dort aus Herr Gleim mit Herrn Goethe Briefe schrub und dass in der Martinikirche das längste Musikstück der Welt, „Organ2/ASLSP“ von John Cage, in einem Zeitraum von über 639 Jahren aufgeführt wird – alles nebensächlich. Es geht um die Wurst. Unternehmer Friedrich Heine erfand mit seiner Gründung 1883 praktisch die Konserve. Halberstädter Würste kamen so in die ganze Welt. Was bitte will man noch?

Bei den Wiener Würstchen hingegen ist die Verwirrung groß. Denn unsere Wiener Würstchen heißen in Wien Frankfurter. Laut Wikipedia gibt es zwar eine österreichische Wiener Wurst, damit ist jedoch pikante Schnittwurst bezeichnet, zu der es in dem Online-Lexikon noch nicht einmal einen ernst zu nehmenden Eintrag gibt. Scheint so, als hätten die Wiener da ihre Wurst nicht richtig verar… äh aufgearbeitet.

Allerdings hat das Wiener Würstchen mein Verhältnis zum Halberstädter Würstchen ziemlich aufgewühlt. Zu Zonenzeiten konnte der DDR-Bürger das Würstchen aus H. meist nur im Fress-Ex (Delikatladen) kaufen konnte, weil die meisten seiner verpellten Genossen in den Westen exportiert wurden. Heute – und ich habe eben nur wegen dieses Blogwichtelbeitrags überhaupt nur auf die Website des Würstchens geschaut – benimmt man sich in der Halberstädter Wurstschmiede recht putzig. So wirbt die Marke mit dem Claim „Alles was Mann gern ist“ und möchte damit den „Männern wieder Lust aufs Leben ohne schlechtes Gewissen machen“. Frauen würden schon weiterhin mit einbezogen, denn mit den Qualitätsprodukten aus Halberstadt ist jeder „modernen Business- oder Hausfrau“ geholfen, Männer „ohne großen Arbeitsaufwand ruhigzustellen“. Das hat man nun davon, wenn man was über Wiener Würstchen schreiben will. Wollte ich das wirklich wissen?

Schnell zurück zum Thema.

Der Unterschied zwischen dem Wiener und der Frankfurter Würstchen: Die Wiener ist nämlich aus Rind- und Schweinefleisch gemacht. Die Historie kennt da wohl unterschiedliche Interpretationen. Angeblich soll der Metzger Johann Georg Lahner aus Frankfurt mit seiner Würstchenvariante nach Wien gezogen sein und hätte dort die neue Rezeptur mit beiden Sorten Fleisch angeboten.  In Wien waren nämlich im Gegensatz zu Frankfurt die Schweine- und Rindermetzger nicht mehr so streng getrennt, schreibt Wikipedia. Bevor ich hier Opfer meines gefährlichen Halbwissens werde, empfehle ich: Sacher Torte. Da gibt es wenigstens keine Namensverwirrungen.

8 Kommentare

  1. Eine herrliche Geschichte – und so nebenbei ganz viel gelernt über Halberstädter, Wiener und Frankfurter Würstchen. Dabei bin ich Vegetarierin. 😉

    • Livia, dann würde dir doch zumindest die Sacher Torte am Ende schmecken, oder? 🙂

  2. Halberstädter Würstchen kann ich – äh – gar nicht. Und die Frankfurter heißen bei uns Wiener. Oder Bockwurst. Ganz im Gegensatz zur Knackwurst, die so heißt, obwohl sie weniger knackt als ein Wiener. Nun denn 😉

    • Im Übrigen – das hab ich ganz vergessen – gibt es auch Sacherwürstel. Nein, das ist keine Wursthaut mit Sachertortenmasse gefüllt 😉 sondern das sind Frankfurter Würstel (also Wiener), die einfach nur etwas länger geraten sind.

  3. 🙂 Sacherwürstel! Das grenzt ja schon an Geheimwissen!

    • Da sieht man wieder, wie bildend Blogwichtelaktionen sind, nicht wahr? 😉

  4. Der Claim der Würstchenfabrik lautet „Alles was Mann gern *ist*“ ??! Das ist ja genial-subversiv.

  5. Das ist gut 🙂

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