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Es war einmal ein Sachbuch

Es war einmal ein Sachbuch

Kategorie: Autorenberatung

Es war einmal eine Unternehmensberaterin, sie war eine stattliche Frau mit rundem Gesicht und dichten, blonden Haaren. Sie war sehr klug, und so hatte sie viele Kunden, die zu ihr kamen, wenn sie nicht mehr weiterwussten. In den Trainings lauschten ihr die Teilnehmer hingebungsvoll, denn was sie erzählte, das hatte nicht nur Sinn. Sie beschrieb die Dinge mit solcher Leidenschaft und Überzeugung, dass man gar nicht anders konnte als viel zu lernen.

Eines Tages beschloss sie, ihr Wissen in ein Buch zu schreiben. Ihre Kunden hatten ihr schon lange in den Ohren gelegen, dass sie das doch tun solle. „Nun“, dachte die Unternehmensberaterin, „ich habe für meine Kinder oft Geschichten geschrieben und sie kamen gut an. Warum also nicht?“ Also begann sie zu schreiben, Satz für Satz, und weil sie so viel Wissen zu teilen hatte, wurde es ein langer, langer Text. Immer wieder musste sie noch etwas dazufügen, eine Anmerkung in einen Satz hineinschieben. Am Ende war der Text so kompliziert, dass er kaum zu verstehen war.

Der Verlag war natürlich enttäuscht. Er hätte sich gedacht, dass diese charismatische Frau ein ganz tolles Buch schreiben würde! Er schüttelte bedauernd den Kopf. Die Frau nahm ihr Manuskript, legte es in die Schublade und war traurig.

Da kam eine kleine Schreibfee des Weges. Sie tippte der Frau auf die Schulter. „Warum bist du denn so traurig?“, fragte sie.

„Ach, ich habe ein Sachbuch geschrieben, aber es ist so unleserlich geworden, dass keiner es haben will.“

„Hmm“, machte die Schreibfee und zupfte an ihrem Feenstaubstab. „Aber du kannst doch Geschichten schreiben!“

„Ja schon. Aber wenn ich mein Wissen aufschreibe, wird alles so kompliziert. Es muss ja alles richtig sein und vollständig, denn schließlich steht das dann schwarz auf weiß geschrieben!“

Die Schreibfee nickte. Davon hatte sie schon mal gehört, dass so kluge Köpfe sich besonders schwer taten, ihr Wissen in kleine Portiönchen zu verpacken, und daher beim Schreiben gar nicht erfolgreich waren. Sie legte der Frau den Arm um die Schulter.

„Nimm doch eines deiner Wissenshäppchen, nur ein einzelnes, und schreibe eine Geschichte drumherum“, schlug die Fee vor. „Du könntest zum Beispiel mit ‚Es war einmal‘ beginnen. Oder auch ähnlich wie bei Raumschiff Enterprise: ‚Die Zukunft, unendliche Vielfalt. Wir schreiben das Jahr 2200 …‘‘

Die Unternehmensberaterin blickte auf und lächelte. Sie teilte ihren Wissensschatz in tausend kleine Goldstücke. Dann nahm sie jedes einzelne in die Hand und schrieb eine Geschichte dazu.

Die Schreibfee freute sich. Und der Verlag auch. Und die vielen Leserinnen und Leser tauchten ein in jede Geschichte, sie wurden erstaunt und überrascht und unterhalten und neugierig gemacht. Sie fanden das kleine Goldstück und steckten es dankbar in ihre Tasche. Damit sie es immer griffbereit hatten, wenn sie es brauchten.

4 Kommentare

  1. Was für eine schöne Geschichte zum Sachbuchschreiben. Genau so ist es! Ich schwöre ohnehin auf die Zerlegetechnik. In handgerechten Häppchen schreibt es sich viel leichter (und auch spannender).

  2. … und man kommt leichter auf die konkrete Ebene, womit man auch verständlicher wird! 🙂

  3. Sehr gut geschrieben. Ich kenne auch Menschen, die sehr gut erzählen können und sich dann nicht trauen das genau so auch aufzuschreiben. Die Angst vor dem geschriebenen Wort. Zum Glück fehlt da nur die Schreibfee…

  4. 🙂 Danke, Livia!

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