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Der Last-Minute-Schreiber

Kategorie: Autorenberatung

Schreiben können wir doch eigentlich alle irgendwie, nicht wahr? Und doch hat es diese Tätigkeit in sich. Von der berüchtigten »Angst vor dem weißen Blatt« über Unsicherheiten beim Formulieren bis hin zur fehlenden Schreibplanung reicht die Palette der Schreibtücken, mit denen wir uns im Alltag herumschlagen müssen. Ein typisches Phänomen ist das folgende:

»Es ist zum Haare-Raufen!« sagt mein Kunde und ringt verzweifelt mit den Händen, »Ich soll regelmäßig Kurzartikel schreiben. Keine große Affaire, was den Inhalt betrifft. Aber bis ich mich hinsetze und endlich schreibe!« Er kennt die Termine schon Wochen im Voraus und trotzdem: Erst wenn es schon fast zu spät ist, setzt er sich hin und schreibt. Und quält sich, weil der Zeitdruck kaum Luft für freie Gedanken lässt.

Mein Kunde ist nicht der Einzige mit diesem Problem. Und Sie werden mir zustimmen, dass es diese Last-Minute-Taktik nicht nur beim Schreiben gibt. Wir wissen zum Beispiel, wir sollten zwei Mal jährlich zum Zahnarzt gehen und doch rufen wir erst an, wenn wir Schmerzen haben. Wir machen unsere Ablage erst, wenn das Ablagefach übergeht oder wir den PIN-Code für unsere neue Kreditkarte nicht mehr finden können. Oder wir beginnen mit der Vorbereitung für eine wichtige Besprechung mit dem Chef fünf Minuten vor zwölf.

In all diesen Fällen haben wir uns im Grunde genommen selbst ein Ei gelegt. Hausgemachte Probleme also! Wenn wir zu spät lernen, schlägt sich das auf das Prüfungsergebnis nieder. Wir nehmen Zahnschmerzen in Kauf, anstatt rechtzeitig vorzusorgen. Wir riskieren, auf Fragen unseres Chefs ungenügend vorbereitet zu sein.

Und beim Schreiben? Manche berichten, dieser Adrenalin-Kick wäre genau das, was sie für einen guten Text brauchen. Das gilt aber, schätze ich, nur für jene, denen Schreiben wirklich Spaß macht und die sich dabe sicher fühlen. Alle anderen quält der Zeitdruck, sie machen sich selbst Stress.

Sie wissen, was Stress in uns auslöst? Abgesehen von verschiedenen körperlichen Veränderungen wie höherer Puls oder die Ausschüttung von Hormonen (die auf Dauer krank machen) verringert Stress unsere Kreativität. Er lähmt unser Hirn. Das Ergebnis: Uns fällt erst recht nichts ein, das wir schreiben könnten. Das wiederum stresst uns noch mehr und so kann es schon passieren, dass wir in einem Teufelskreis gefangen sind. Am Ende beschleicht uns ein vages Gefühl des Versagens: weil wir einen schlechten Text abgeben müssen oder weil wir den Termin verschieben …

Mein lieber Kunde schafft es am Ende dann doch immer, einen brauchbaren Fachartikel rechtzeitig an die Zeitschriftenredaktion zu senden. Trotzdem hat er mittlerweile keine Lust mehr, sich zu quälen. Zum Glück ist er nicht einer, der die Flinte ins Korn wirft und frustriert das Schreiben aufgibt – das wäre sehr schade, denn er hat viel Interessantes zu berichten! Stattdessen haben wir eine Strategie entwickelt, mit der er sich selbst überlisten und in Zukunft rechtzeitig an seinen Artikeln arbeiten kann.

Eine Variante zum Last-Minute-Schreiber gibt es übrigens, die kennen Sie vielleicht auch: der Morgen-Schreiber – morgen fange ich an … Doch darüber ein anderes Mal.

Herzlichst,
Ihre Daniela Pucher

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