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Die Krux mit dem Umlernen

Kategorie: Ansichtssache

Gewohntes Verhalten zu ändern ist nicht leicht

Der Mitarbeiter des Mietwagenverleihs drückt mir den Autoschlüssel in die Hand. »Have a safe journey!« ruft er mir nach und ich laufe beschwingt zum Wagen. Oups! Das ist die falsche Seite. Denn wir sind hier in Schottland, hier fährt man links. Also steigt man als Fahrer auch auf der Beifahrerseite ein, sozusagen. So ist das. Hinter dem Steuer eine erste Orientierung. Der Schalthebel ist links. Der Außenspiegel ist rechts, der Innenspiegel links. Anschnallen? Ätsch, hinter der rechten Schulter ist der Sitzgurt, nicht links! Und Retourschieben? Tja, wer hätte daran gedacht, dass man in dem Fall über die linke Schulter zu schauen hat!

Doch erst wenn das Auto in Bewegung kommt (Gott sei Dank, die Pedale sind nicht seitenverkehrt!) beginnt das Abenteuer so richtig. Also: Zündschlüssel drehen, starten. Die rechte Hand sucht vergeblich die Gangschaltung und landet stattdessen beim Türöffner. Ach ja, links. Mit der linken Hand also den Knüppel von mir weg und dann nach vor drücken, eigenartiges Gefühl! Blinker nach rechts. Huch, beim Rechtsabbiegen gibt’s Gegenverkehr!! Und hat jetzt der Rechtskommende Vorrang oder der Linkskommende?

Wie lange, schätzen Sie, braucht man für die Umgewöhnung auf den Linksverkehr? Zwei, maximal drei Tage? Glauben Sie wirklich? In dieser Zeit haben Sie sich gerade vom Schrecken erholt! Nein, im Ernst: Nach zwei, drei Tagen ist Ihr Adrenalinspiegel soweit wieder im Lot, dass Sie halbwegs entspannt fahren können und Sie können den Seitenabstand links zum Straßenrand (oder zu parkenden Autos) einschätzen. Sie haben die üblichen Abläufe zumindest ein Mal durchgemacht. Aber von Routine ist noch lange keine Rede. Geschweige denn, dass Ihre Reflexe richtig funktionieren, wenn Sie in eine Gefahrensituation kommen. Dazu brauchen Sie schon ein paar Monate!

Was Hänschen lernt, muss Hans verbessern

Vielleicht werden Sie dem britischen Straßenverkehr nie die Stirn bieten müssen. Aber etwas Neues gelernt haben Sie bestimmt schon öfters. Oder etwas zu verbessern versucht. Sie waren vielleicht in einem Verkaufsseminar oder in einem Konflikttraining. Das hat vermutlich zwei oder drei Tage gedauert. Und wie ist es Ihnen dann in der Praxis gegangen? Wie viel des Gelernten hatten Sie auch nach Monaten noch in Ihrem Handlungsrepertoire?

Sich neues Verhalten anzueignen, sodass es in Fleisch und Blut übergeht, erfordert ein sehr hohes Maß an Konsequenz und Selbstdisziplin. Im Straßenverkehr werden Sie gezwungen, sich anders zu verhalten, da haben Sie gar keine andere Wahl. Aber beim Verkaufsgespräch? Ihr Kunde wird Sie sicher nicht dazu auffordern, ihm die richtigen Fragen zu stellen. Und im Konfliktgespräch wird Ihr Gegner Sie nicht wohlwollend darauf hinweisen, dass Sie schon wieder dazu neigen klein beizugeben, anstatt sich zu wehren.

Lernen heißt: Verhalten reflektieren

Nur allzu leicht schlüpfen wir nach einer Schulung wieder in die alten Gewohnheiten. Weil’s halt gar so bequem ist. Aber irgendwie auch schad’ um die Zeit und das Geld, oder? Denn gelernt haben Sie dann nicht wirklich etwas. Lernen tun Sie erst, wenn Sie auch umsetzen. Alte Gewohnheiten überdenken, neue Handlungen ausprobieren. Reflektieren. Wieder ausprobieren. So lange, bis es passt, bis Sie wirklich etwas verändert haben. Und das geht selten allein im stillen Kämmerlein. Und noch seltener gelingt es sofort.

Also: Ärmel aufkrempeln und Erfahrungen sammeln. Seien Sie neugierig, haben Sie Spaß am Experimentieren und nehmen Sie sich viel Zeit. Reden Sie mit anderen über Ihre Erfahrungen, vielleicht auch mit einem Coach. Oder in einer geschlossenen Lerngruppe, das ist vor allem dann ideal, wenn alle das gleiche Lernziel haben. Und scheuen Sie sich nicht, viele Fragen zu stellen (siehe Newsletter „Nicht-Wissen macht klug“).

Um Erfahrung zu haben, muss man nicht alt sein.
Um Lust auf Neues zu haben, muss man nicht jung sein.
Um Erfolg zu haben, muss man beides verknüpfen.

(aus: Net-business, 2.8.01)

1 Kommentar

  1. Regards for all your efforts that you have put in this. very interesting info . ¡°I am the wisest man alive, for I know one thing, and that is that I know nothing. Plato¡¯s Apology¡± by Socrates.

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